Die nächsten beiden Tage standen im Zeichen der Erklimmung des White Mountain Peaks. Das ist mit 4.338 m (manche Quellen sagen auch 4.342 oder 4.344 m) der höchste Gipfel der White Mountains (der östlichen Seite des Owens Valley), der dritthöchste Berg Kaliforniens (nach Mt. Whitney und Mt. Williamson, beides Sierra Nevada, White Mountain Peak geht aber ohne Permit-Lotterie) und der achtdominanteste Gipfel in Kalifornien. Da ich mich gerne dominieren lasse, muß ich da rauf.
Der Vorteil ist, daß der Berg einen Weg bis zum Gipfel hat. Der Nachteil ist, daß die die Höhe natürlich nicht ganz ohne ist. Der Luftdruck, und damit auch der Sauerstoffgehalt, entspricht ungefähr einem Drittel dessen, was man auf Höhe des Meeresspiegels hat. Das Netz ist voll mit Berichten von Leuten, die Probleme bekommen haben (1, 2, 3, 4). Als meinen Vorteil sah ich, daß ich den vergangenen Tagen schon in größeren Höhen (> 3.000 m) unterwegs war. Nach Yosemite, Hungry Packer Lake und Patriarch Grove hielt ich mich für besser gerüstet. Ein weiterer Punkt ist allerdings, daß wir über eine Gesamtstrecke von 15 Meile, also 24 km, sprechen. Das ist schon auf Höhe des Meeresspiegels nicht mehr so die typische Tagestour. Mein Wanderführer gibt die benötigte Zeit mit 8-9 Stunden an.
Erfahrungen mit großen Höhe und Akklimatisierungen habe ich vom El Teide auf Teneriffa. Da waren wir 2009 und sind direkt vom Meeresspiegel rauf bis zum Parkplatz und dann mit der Seilbahn gleich nochmal weiter. Das war aber echt übel. Da war jeder Schritt schon mühselig, aber man war auch wirklich gar nicht an die Höhe gewöhnt.
Natürlich muß man sich gut vorbereiten. Also am Donnerstag erstmal Essen gekauft, diverse Power-Riegel, Nüsse, usw. sowie die Wasservorräte angelegt. Die Nacht will ich gleich nochmal oben im Auto schlafend zu verbringen, und da bietet es sich an, nochmal die Patriarch Grove, die nur wenige Meilen vom Trailhead entfernt ist, anzusteuern. Gesagt, getan. Die Auffahrt geht relativ problemlos, und ich verbringen einen schönen Sonnenuntergang dort.
Danach mache ich es mir wieder im Auto bequem, Isomatte und Schlafsack hatte ich gleich dringelassen, und beginne gleich, meinen Tagesrucksack für den Gipfelsturm zu packen, d.h. Fotozeugs raus, und die notwendigen Sachen aus dem Wanderrucksack rein. Meine Strategie ist relativ simpel: Gehe so leicht wie möglich. Das heißt, ich verzichte auf meine schweren Wanderstiefel und trage lieber meine Trekking-Halbschuhe. Als Kleidung ebenfalls nur das nötigste, wobei ich gelesen habe, daß es kalt und windig sein kann. Also kommt da doch einiges an Zwiebelschalen zusammen. Als Kamera muß mein iPhone dienen, und ansonsten nehme ich vier Liter Wasser (2 l im nerdigen Trinkwasserbehälter mit Schlauch sowie 2 Flaschen) sowie mein Essen mit. Und das Essen ist im großen Rucksack. Nein. Dann auf dem Beifahrersitz. Auch nicht. Irgendwo dazwischen? Nirgendwo. Mein Essen ist noch im Hotel. Da sieht man mal, wie stark essen meine Gedanken dominiert. Mindestens anderthalb Stunden Fahrt für die einfache Strecke. So weit würde ich ja nichtmal zurückfahren, wenn ich meine Freundin vergessen hätte, geschweige denn, um etwas zu essen zu holen (ja, ich baue darauf, daß sie mein Blog nicht liest). Also muß es ohne gehen. Ich hab ja nun schon ein bißchen Erfahrung im Nicht-Essen, das wird schon klappen.
Ich schlafe dann bald in meinem kuschligen Schlafsack weg, wache nachts aber immer mal wieder auf, weil der Mond ungünstig ins Auto leuchtet. Ist aber auch schön. Am nächsten Morgen geht lasse ich mir natürlich den Sonnenaufgang nicht nehmen und mache eine kleine Tour durch die Patriarch Grove. Die Session bleibt aber kurz, denn ich möchte zu früh wie möglich mit dem Trail fertig sein – am Nachmittag ist die größte Gefahr für Gewitter und auf der Strecke ist man selbst stets die lokal höchste Erhebung. Und obwohl jetzt keine einzige Wolke zu sehen ist und der Wetterbericht auch nichts angesagt hat, möchte ich das Risiko minimieren.
Also geht es los zum Trailhead, der sich auf 3.560 m Höhe befindet. Es ist ein weiteres leeres Auto da, ein anderes kam kurz vor mir an und die Leute sind am Vorbereiten. Da ich das schon erledigt habe, geht es gleich los.
Am Anfang ist der Weg noch ein normal befahrbarer Feldweg. Die Landschaft ist extrem karg, aber es gibt viele Murmeltiere, die offenbar auch kaum Fluchtinstinkte haben. Sehr süß. Nach zwei Meilen kommt eine Forschungsstation, man ist jetzt schon bei 3.800 m. Die Station fand ich ein bißchen bizarr und könnte, zusammen mit der Umgebung, direkt aus Fallout stammen (Approach-Video, iPhone).
Ich passiere diese Station und weiter geht es. Der Weg besteht danach nur noch aus zwei Spuren (Reifenbreite oder ausgetreten, auf jeden Fall zum Teil recht steinig). Es geht zuerst recht steil nach oben, bis man an einem kleinen Observatorium vorbeikommt, und dann sieht man zum ersten Mal wieder richtig den White Mountain Peak, zu dem es durch einen kleinen “Talkessel” führt, d.h. es geht erst bergab und dann wieder richtig bergauf. Was ich in einem der Berichte gelesen habe, stimmt: Es gibt nichts, woran man die Entfernung ordentlich einschätzen kann weil man die Größe kennt, z.B. Bäume. Deshalb denkt man sich auch, daß das ja alles gar nicht so schlimm ist. Also geht man erstmal frohgemut weiter.
Den Talkessel hat man relativ schnell durchschritten (dabei kommen wir zwei Wanderer entgegen, die offenbar aus dem ersten Auto stammen – die sehen ordentlich fit aus), und dann geht es wieder aufwärts. Und jetzt aber richtig, und die 4.000 m sind schnell erreicht. Man merkt gleichzeitig, daß mit zunehmender Höhe das Atmen immer schwerer fällt. Insbesondere merke ich es, wenn ich Wasser trinken will. Das geht nämlich kaum noch, weil man sofort keine Luft mehr hat. Man hört also mit dem Trinken schnell wieder auf und hechelt erstmal ein wenig, bis man wieder denkt, daß das mit der Luft einigermaßen paßt. Der Rest des Weges weiter nach oben wird immer anstrengender, man läuft immer langsamer, und hat auch immer weniger Lust, beim Fotografieren auf einen ordentlichen Bildaufbau zu achten.
Der Endanstieg geht über Serpentinen und ist nochmal steiler, zudem gibt es auch noch ein paar Schneefelder, die man entweder quert oder nochmal steiler umgeht. Der Weg besteht jetzt nur noch aus Steinen. Ich habe inzwischen Kopfschmerzen. Wassertrinken habe ich nochmal probiert – eine echt blöde Idee. Kurz nach dem Trinken (und dem Sauerstoff-Nachholen) muß ich mich fast übergeben und anschließend gleich nochmal um Luft ringen. Blöde Kombination, aber es geht alles gut aus.
Und dann ist man oben (Approach-Video, iPhone). Instantanes Glücksgefühl! Entweder Endorphine oder beginnende Höhenkrankheit, egal, denn es ist wirklich toll. Man kommt an und kann einen Haken setzen. Es gibt niemanden, der einem sagt, “Moment, das zählt noch nicht. Jetzt mußt Du erstmal ein Vierteljahr lang Gipfelbetreuung machen. Und dann nochmal ein Vierteljahr. Ach, machen wir doch das Jahr voll.” Nein, man hat es jetzt, sofort, in diesem Momentan geschafft. Super. (Da ich das auch bei den kleineren, z.T. Cross-Country-Gipfeln hatte, auf die man einfach nur zum Spaß geht, schiebe ich es auch in diesem Fall auf Endorphine und nicht auf Höhenkrankheit.)
Die Aussicht ist toll. Nach Western sieht man die ganze Sierra, vom Mount Whitney am Südende über das Owens Valley mit meinen inzwischen fast “Hausbergen” bei Bishop, die Ritter Range, das Tal vom Tioga Pass bis rauf zum Lake Tahoe im Norden. Nach Osten sieht man Tal über Tal im Great Basin (das bis hinter Salt Lake City reicht, was man aber natürlich nicht sehen kann), man sieht das Death Valley im Südosten usw. (Das Great Basin (>477.000 m²) ist dadurch gekennzeichnet, daß das Wasser dort nicht ins Meer abfließen kann, deswegen ist der Great Salt Lake auch salzig.) Wie dem auch sei, alles ist großartig. Ich bleibe eine Stunde oben, bevor ich mich an den Abstieg mache.
Beim Abstieg wird es mit der Luft zunehmend besser, und auch wenn es wieder ein Anstiege gibt, bleibt das gute Gefühl, daß man es geschafft hat. Bilanz: 24.14 km, 05:37h Laufzeit, 1:36 Stillstandszeit (darunter die ca. 1h auf dem Gipfel). Insgesamt 1575 Höhenmeter überwunden (durch die Zwischenan- und -abstiege). Selbst mit der Stillstandszeit komme ich damit auf rund 7:15h statt der 8-9h aus dem Wanderführer. Eventuell war ich für das Thema Höhe immer noch zu schnell. Das werde ich hofffentlich im November verifizieren können. Auf dem Rückweg begegne ich noch den Leuten aus dem dritten Auto, die scheinen aber echt zu kämpfen zu haben. Gar nicht zu aklimatisieren scheint keine gute Idee zu sein.
Zurück im Hotel packe ich die Rucksäcke aus. Und was stelle ich fest? In meinem Tagesrucksack, den ich für die Wanderung benutzt habe, befindet sich noch die Notration Essen (im Wesentlichen Powerbars), die ich mal angelegt habe für Notfälle, falls ich Essen vergessen sollte.
Das war eine tolle Erfahrung und der höchste Berg, auf dem ich bisher war.
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Ancient Bristlecones
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Earth Shadow Rising
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Earth Shadow Rising
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Earth Shadow
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Earth Shadow Setting
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Earth Shadow Setting
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Early light in the Sierra
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Early light in the Sierra
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Sunrise Ridges
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First close glance at White Mountain Peak (iPhone)
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View East (iPhone)
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Moon setting (iPhone)
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Snow field (iPhone)
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And that’s why my nose gets sunburn (iPhone)
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Summit view towards Bishop (iPhone)
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Summit view towards the Ritter Range (and Tioga Pass to the right) (iPhone)
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Summit view to the east (iPhone)
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Looking back at White Mountain Peak (iPhone)
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GPS statistics (iPhone)
Gelernt an diesen Tagen:
- In großen Höhen langsam gehen. Atmen hilft.
- Man sollte sich das Vorhandensein von Notrationen auch verinnerlichen, sonst bringt das nichts.